
Der Wilde Westen auf der Insel
Es knistern die Lagerfeuer, es werden die langläufigen Gewehre abgefeuert, die Kavallerie und die Indianer sind auch schon da! Südstaatler wohin man sieht, aber auch die Soldaten der Union sind bestens vertreten. Der Duft von Steaks und Bratkartoffeln weht über die Prärie... Moment: über die Donauinsel! Jedes Jahr, wenn Harry Kopietz zum traditionellen Kultur-Happening auf die Insel lädt, zieht der Wilde Westen nach Wien! Klar, dass die Hauptrolle in der Brigittenauer Bucht die Musik spielt: Seit mehr als zwei Jahrzehnten bringen Christine und Heribert Naber Amerika-Flair auf ihre Country-Bühne, die längst ein Fixbestandteil des Mega-Open-airs ist!
„Wir wollten zeigen, dass die Country-Szene in Österreich nicht so klein ist wie man glaubt“, erklärt Christine Naber ihre „Mission“, „Country wird auch von den Medien sträflich vernachlässigt. Da weiß kaum jemand, was zu dem großen Bereich alles dazu gehört. Man verbindet das immer mit Schießen und Rowdys, was überhaupt nicht der Fall ist. Der Hauptaugenmerk liegt bei uns auf der Musik und die ist eben sehr vielfältig.“ Von King Elvis Presley bis Johnny Cash, von Garth Brooks bis zu den neu formierten Eagles (sie gehören zum Country-Rock) reichen die Stars der Szene. „In den 500 Jahren amerikanischer Geschichte hat jeder Einwanderer seine Musik mitgebracht, das findet man alles in der Counry-Musik wieder. Und die gefällt vom Kleinkind bis zur Omama.“ Die Kostüme der Künstler, Veranstalter und Fans gehören genauso zum Happening wie die Gute Laune-Musik. Es ist eine eigene Mystik, erklärt die 58jährige Christine. Einer der harten Männer, die sich in den Wilden Westen zurück versetzen, ist ihr Ehemann Heribert, der das Credo auf den Punkt bringt: „Wir sind ideell nicht im heutigen Amerika angesiedelt, bei Bush und Konsorten, sondern wir beziehen uns auf die Zeit des Bürgerkrieges zwischen den Nord- und den Südstaaten. Da tragen wir natürlich die Uniformen der damaligen Zeit als Kostüme.“ Wer den Haufen „Soldaten“, „Cowboys“ und „Indianer“ Verschrobenheit unterstellt, der braucht nicht lang zu suchen, um in unserem Kulturkreis Pendants zu finden. „Das ist nichts Ungewöhnliches, weil beim Musikantenstadl haben sie auch alle Lederhosen und Dirndln an“, lacht Heribert, „zu Country gehören eben Lederhosen, Indianer, der Hut...“
So unglaublich es klingt, das bunte Durcheinander sorgt für Sicherheit. „Wir sind auch deshalb eine der sichersten Inseln, weil jeder verrückt herumläuft, mit Show-Waffen, als Indianer, als Trapper oder als Cowboy verkleidet“, analysiert die resolute Christine, „dadurch ecken wir nirgends an. Und es stört uns nicht, wenn ein Rocker mit einer Kette und tausend Stacheln kommt. Es schaut ihn niemand blöd an. Deshalb hatten wir in den langen Jahren noch nie einen Polizeieinsatz auf unserer Insel. Das ist sicher eine gute Leistung!“ Und Gatte Heribert ergänzt: „Die Musik gefällt allen, das geht von Kindern bis zu Menschen, die 70, 80 Jahre alt sind. Beim Line Dance tanzen fünfjährige Kinder mit der 77jährigen Großmutter. Es ist wirklich eine Familiengeschichte. Familien können zur Country-Bühne kommen, ohne dass es irgendwelche Probleme gibt, niemand wird angestänkert oder andere Zores haben!“
Die Nabers sind längst Urgesteine des Donauinselfests und seit dem dritten Festival mit dabei. „Der Country Club war schon früher auf der Donauinsel, aber das ist den Bach runter gegangen, um es krass auszudrücken“, lässt Christine die Geschichte der Country-Insel Revue passieren, „Wir waren ganz neu in der Szene als wir damals gefragt wurden, ob wir das nicht eventuell übernehmen würden. Und ob wir uns nicht einmal mit einem gewissen Harry Kopietz unterhalten wollen.“ Die Welt ist ein Dorf, die Wienerstadt ganz besonders. Und so trafen sich zufällig alte Bekannte wieder: „Es hat sich herausgestellt, dass Harry ein langjähriger Freund von uns ist, den wir aus den Augen verloren hatten. So sind wir auf die Insel gekommen.“ Die ersten paar Jahre stand die Country-Bühne bei der Schnellbahnbrücke. Dort mussten die Nabers und ihre Wild West-Fans mit einem regelmäßigen Übel leben: „Alle zehn Minuten ist die Schnellbahn vorbei gefahren, das war für die Musik nicht gerade ideal.“ Mit dem weiteren Ausbau des Entlastungsgerinnes fand die Country Bühne eine neue Heimat. „Als die Staustufe gebaut wurde, sind wir von der Hauptinsel auf die drübere Seite gezogen, in die Brigittenauer Bucht, auf der linken Seite der Neuen Donau“, gibt sich der 63jährige begeistert, „Das ist natürlich das schönste Areal des ganzen Inselfests, die Szenerie passt gut zum Thema, unten das Wasser, oben die Bühne. Wir sind dort ganz zufrieden und wollen gar nicht mehr weg!“
Dass die Country Bühne eine ganz eigene Welt – mit ihren eigenen Gesetzen – ist, kann man nicht übersehen. Um den Nabers eine gewisse finanzielle Basis für ihr Country-Engagement zu sichern, dürfen sie ausnahmsweise „ihr“ Areal selbst bewirtschaften. Sie entscheiden, welches Gastro-Standl welche kulinarischen Schmankerln aus dem Westen anbietet. „Im Normalfall kannst du nicht beeinflussen, ob zehn Kebap- oder Würstelstandeln bei dir stehen“, erläutert Heribert Naber, „Die Menschen, die auf die Country-Insel kommen wissen, dass sie auf einer Themen-Insel sind. Es gibt die passende Verpflegung und die Menschen sind dementsprechend angezogen. Der ganze Platz ist mit Fahnen dekoriert. Man erzeugt so ein positives Feeling, die Leut’ wissen: Ich bin auf der Country-Insel. Bei manchen anderen Inseln kann man das oft nicht so leicht erkennen!“ Sogar die Akteure – Musiker, Aussteller, Mitarbeiter – haben die Pflicht, sich dem Motto anzupassen: „Es haben unsere Musiker die Auflage, Country-mäßig auf der Bühne zu stehen. Also nicht in Herrgottsschlapfen und T-Shirt! Auch dann nicht, wenn es 40 Grad hat. Die Leute erwarten die volle Montur!“
Country ist für das Ehepaar Naber und ihre Mitstreiter nicht nur an den drei Festivaltagen ein Thema, sondern zieht sich wie ein roter Faden durch das ganze Jahr. „Wir fahren auf Feste, hören neue Musikgruppen, die man engagieren könnte, man organisiert das ganze Jahr über“ umreißt Christine, „intensiv wird es dann immer ab Jänner.“ Mit den Jahren hat die Country Insel eine Vorreiterrolle in de Szene eingenommen, und ist längst über die Landesgrenzen ein Begriff. Aktiv-Pensionist Heribert weiß um die Verantwortung: „Wir geben in der Country-Szene heute schon die Richtung vor. Ich kann es mir nicht leisten, dass nur Bands spielen, die man auf jedem Festl hört. Es wird von uns erwartet, dass wir neue Sachen bringen! Wir müssen Gruppen engagieren, die im Trend liegen, und die man in Österreich sonst nicht hört.“ Allerdings gibt es, wie bei anderen Themeninseln auch, eine finanzielle Decke, nach der sich die Nabers strecken müssen. „Wir können keine Superstars nehmen, das ist klar“, unterstreichen sie, „wir nehmen Bands die finanzierbar sind und die man nicht überall hört. Inzwischen kennen die Musiker das Donauinselfest und sein Ruf zieht Bands an, die man im Normalfall gar nicht engagieren könnte. Das ist ein Bonus durch die langjährige Tätigkeit, deshalb haben wir immer ein Mörder-Programm!“
Natürlich – und das gehört zum Procedere, das sich jedes Jahr aufs Neue wiederholt – erwartet man von den beiden Country-Freaks, dass sie bereits bei den Vorbereitungen ihre Zelte auf der Insel aufschlagen und das Bühnengelände bis zum Abbau nicht mehr verlassen. „Am Montag vor dem Fest geht’s los“, skizziert Heribert, „da stehen neun Wohnwägen dort, in denen die Menschen wohnen, die auf der Insel arbeiten. Das ist fast wie eine Wagenburg. Ab Dienstag sind wir dann permanent unten, also übernachten auch dort.“ Klar, dass eine Portion Idealismus dazu gehört, das weiß Christine: „Sonst geht das doch gar nicht! Es muss jeder mit dem Herz dabei sein, und Abstriche machen.“
Besonders stolz sind die Country-Vorposten im „wilden Osten Österreichs“ auf ihre Gospel-Messe, die am Donauinselfest-Sonntag längst zur fixen Einrichtung geworden ist: „Wir machen am Sonntag eine Open-air Gospel-Messe, da kommt ein altkatholischer Bischof und zelebriert sie. Im Schnitt kommen da um zehn Uhr vormittags an die 3000 Menschen, die ausschließlich wegen der Messe da sind! Wir hatten aber schon 7000 Zuschauer!“ Und auch der Bund fürs Leben wurde bereits vor der Country-Bühne geschlossen, nicht von einem Pärchen, sondern gleich von sechs Ehewilligen. „Die dreifach-Hochzeit war sehr schön und wirklich sehr ergreifend, da haben im Jahr 2005 drei Pärchen in den Kostümen des 18. Jahrhunderts geheiratet.“
Trotzdem stoßen die Nabers, die als Duo für die gesamte Themeninsel verantwortlich sind, an ihre Grenzen. „Schön ist es eigentlich immer, auch wenn ich an jedem Montag danach sage: Nie wieder!“, stöhnt Heribert, und Ehefrau Christine wird konkret, wenn es um Ärgernisse für die Veranstalter geht: „Es ist viel Stress, jedes Mal. Das Publikum macht dich verantwortlich, wenn das Kotelett nicht schmeckt oder das Wetter nicht passt. Die Aussteller machen dich verantwortlich, wenn das Publikum nichts kauft. Und irgendwann steht es dir oben beim Hals!“ Entschädigt wird das Power-Paar des Country durch die Begeisterung und die aktive Rolle, die eingefleischte Fans übernehmen. „Wir haben oben ja eine Art Privatcampingplatz, da kommen schon Deutsche und Schweizer Country Fans, sie kommen aus Ungaren, Tschechen, wir haben etwa ein Drittel ausländisches Publikum“, erklärt Heribert, „es gibt zwar nur kaltes Wasser, aber wir leiten Strom hin und es gibt Toiletten. Trotzdem ist alles sehr einfach, ganz so wie im Wilden Westen. Man sieht, dass die Menschen auch mit wenig zufrieden sind.“ Der „private Campingplatz“ kann sich sehen lassen: „2007 hatten wir 17 Wohnmobile, 6 Wohnwägen und 81 Zelte – ein Wahnsinn!“
Und damit die zwölf Monate bis zum nächsten Inselfest nicht ganz ohne Country-Action vorüber gehen, haben sich die beiden in Wien-Hernals, in der Rosensteingasse, ein eigenes Nest gebaut. „Es nennt sich Old Mississippi Country Club Austria und ist in der Rosensteingasse 84 im 17. Bezirk“, erzählt Obfrau Christine stolz, „das ist eigentlich ein Ranger-Wohnzimmer, mit Kamin. Es wird viel über Musik gesprochen, über Feste, auf denen man war. Es gibt Dia-Vorträge über USA-Reisen. Da wir aber in einem Wohnhaus beheimatet sind, gibt es Musik-Sessions nur mit der Wandergitarre. Und jeden Dienstag, ab 18.00 Uhr, ist uns jeder herzlich willkommen!“