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Veranstalter-Legende Karl Scheibmaier: Der „geheime Mr. Donauinselfest“ der ersten Jahre

Eines steht unverrückbar fest: Ohne Harry Kopietz gäbe es kein Donauinselfest! Hätte er nicht irgendwann am Beginn der 80er Jahre bei einem Spaziergang die Bahn brechende Idee gehabt, auf dem Stückchen Erde zwischen der Donau und dem Entlastungsgerinne – der Neuen Donau – ein Kulturfest bei freiem Eintritt zu veranstalten, wäre aus Karl Scheibmaier vermutlich niemals der legendäre Macher der Festbühne bei der Floridsdorfer Brücke geworden. „Der Charly“ – wie er von Musik-Insidern genannt wird, ist ein Vielseitiger. Er hat einige der größten Fixsterne am österreichischen Pop-Himmel entdeckt, als sie noch kaum Strahlkraft besaßen: STS, Ludwig Hirsch, Steffi Werger oder Rainhard Fendrich – um nur einige wenige aufzuzählen –  wurden von Scheibmaier in den 36 Jahren seines Wirkens in der Szene als „Raupen entdeckt und zu Schmetterlingen geformt“. Mit vielen seiner Schützlinge verbindet der Manager ohne Alter eine lange und intensive Freundschaft, mit einigen sitzt er seit mehr als zwanzig Jahren in einem Boot. Aber auch in internationalen Gewässern ist er äußerst erfolgreich und bringt Künstler wie die Kelly Family, Antonello Venditti, Nena oder Boney M. nicht nur auf die Insel.

„Ich bin durch Zufall dazu gekommen. Wir hatten damals die Wiener Stadthalle gemietet für die ,Rockin’ 60ties’. Ich bekomme einen Anruf vom Karl Javurek, der damals Marketingchef in der SPÖ Wien war, dass sie die Stadthalle brauchen falls es bei ihrem Vorhaben auf der Donauinsel regnen sollte. Das war 1983“, erinnert sich Karl an seinen Erstkontakt. Es ist seinem intuitiven Riecher fürs Geschäft zu verdanken, dass er gerne kooperierte – zu weitreichenden Bedingungen: „Ich hab’ gesagt, dass ich auf die Stadthalle verzichte und wie es denn wäre, wenn ich das Konzert auf der Donauinsel auch vor Ort durchführe. Daraufhin habe ich ein Programm entworfen, wir haben den Antonello Venditti eingebracht, und viele andere. Ich habe den ganzen Tag veranstaltet, STS sind zum ersten Mal aufgetreten. Die Bühne stand bereits auf dem Platz, auf dem sie heute noch steht. Es war damals alles viel kleiner, mickriger, nur eine blanke Wiese.“ Der erste „Scheibmaier-Tag“ war ein voller Erfolg, doch die Gesamtheit der „Premiere“ offenbarte, dass es noch ein langer Weg sein würde, bis mehr als 200.000 Fans vor der Festbühne bei internationalen Top-Stars shaken können.

Noch heute ist Scheibmaier sein erstes DIF in bester Erinnerung – denn es ging, von „seinem Tag abgesehen“,  alles drunter und drüber: „Ich war in Graz und auf der Donauinsel ging es mit einem Tag weiter, den die Sozialistische Jugend durchgeführt hat. Da hatten sie unter anderen auch den Wilfried, den ich gemanagt hab’. Am Vormittag ist er bei mir noch in Graz aufgetreten und dann nach Wien gerast, weil er um fünf seinen Auftritt auf der Donauinsel hatte. Ich hab’ dann noch das Grazer Stadtfest abgewickelt. Das war um 17 Uhr aus, und ich war fast schon auf dem Weg ins Hotel als ich dachte: Schaust nach Wien, wie es dort lauft. Nun, ich kam dort an, es herrschte das blanke Chaos! Der Auftritt von Wilfried war nicht um 17 Uhr, sondern um 22.30, 23 Uhr, weil einige Künstler nicht von der Bühne gingen und beinahe endlos spielten. Dann wurde fast die Bühne zerlegt, die Polizei hat den Strom abgedreht, es gab Aggressionen auf allen Seiten.“

Man musste nicht lange überlegen, um eine Lösung für die kommenden Jahre zu finden: Karl Scheibmaier macht die Hauptbühne! Vom Zusammenstellen des Programms bis zur Abwicklung an den drei Veranstaltungstagen ist die Festbühne fest in seiner Hand. Besonders stolz ist der Kulturmanager darauf, dass „man nach meinen Beginnzeiten die Uhr stellen kann! Ich klopf’ auf Holz, das hat jetzt 24 Jahre lang geklappt.“

Jahr für Jahr ein attraktives Programm mit Publikumsmagneten zusammen zu stellen, ist eine Kunst für sich. Denn wo manchmal horrende Gagen gefordert werden, muss Scheibmaier zurückstecken. Es ist sein Verhandlungsgeschick, das jährlich einige der ganz großen Stars auf der Insel glänzen. „Ich versuche da immer mit dem Argument zu verhandeln, dass es Konzerte sind, die bei freiem Eintritt stattfinden, dass es ein Geschenk des Bürgermeisters an alle Österreicher und die Menschen in den Nachbarländern ist. Damals gab es ja noch den Eisernen Vorhang, da sind die Fans ’rübergekommen und konnten die Konzerte erleben.“ Auch bei ihm läuft nichts ohne den eigentlichen DIF-Chef, Harry Kopietz: „Ich stelle ein Programm zusammen, präsentiere es Harry und wir besprechen das. Über mich läuft aber kein Geld, da habe ich mich immer raus gehalten. Da gibt’s zu viele Neider. Ich bekomme eine Fixgage.“

Der Knackpunkt bei der Besetzung der Hauptbühne ist – wie meistens – das liebe Geld. Da es beim Inselfest keinerlei Einnahmen durch den Ticketverkauf gibt, ist die Finanzdecke dünn und außerordentliches Verhandlungsgeschick gefragt. Natürlich verwendet Karl Scheibmaier das schlagendste Argument, nämlich, dass es sich beim DIF um ein Gratisfestival handelt. Aber das alleine richt nicht, so der Profi: „Es ist damit immer eine Fernsehausstrahlung verbunden. Jeder weiß, dass man als Künstler heute beinahe schon bezahlen muss, wenn man ins Fernsehen will! Bei uns sind die Stars im Fernsehen und bekommen auch etwas bezahlt. Wir geben den Künstlern die Möglichkeit, die Aufnahmen vom Inselfest für ihre eigenen Zwecke wie Live-DVDs, zu verwenden. Da ist schon Verhandlungsspielraum! Ich konnte bisher immer prominente Künstler wie Joe Cocker, drei Mal Gianna Nannini, oder Lucio Dalla an Land ziehen, wir bieten Qualität und hatten immer Erfolg!“ Allerdings, die Übung gelingt nicht immer. „Es gibt aber Künstler, die man sich nicht leisten kann“, seufzt er, „zu deren Konzerte kommen zig tausende zahlende Besucher, da können wir mit Gagenforderungen nicht mit.“ Früher spielte noch die „political correctness“ eine Rolle. „Natürlich sind die meisten Künstler politisch eher links angesiedelt und die wissen, dass die Stadt Wien von einer roten Regierung geleitet wird“, plaudert Karl aus der Schule, „Ich lege es dann so aus, dass das Dreitagesfest ein Geschenk der Stadt Wien an ihre Bürger ist. Sonst habe ich die Politik immer raus gelassen!“

Seit 1983 ist Karl Scheibmaier einer der Anker, an denen das Donauinselfest ruht, er ist jetzt bereits 25 Jahre dabei. „Ich fange bereits ein Jahr im Vorhinein an, Künstler zu kontaktieren und Wege zu finden, wie ich an interessante Acts heran komme“, beschreibt der Manager seine Tätigkeit, „So hab ich versucht, Celine Dion zu bekommen, die ja jetzt wieder auf Tournee geht. Ich wusste gar nicht, dass die Jahre lang in Las Vegas aufgetreten ist, weil ich einfach lange nichts von ihr hörte. Nur die ist viel zu teuer! Es ist nicht einfach, gute Namen zu bekommen.“ An den Festivaltagen ist Scheibmaier selbst vor Ort, mit den Jahren hat sich aber nicht nur eine gewisse Routine eingespielt. Auch sein exzellentes Team ist gewachsen. Und so muss der „57+L-Jahre“ alte Doyen nicht mehr ständig vor Ort sein. „Am Beginn hatte ja niemand außer mir eine Ahnung vom Veranstalten, deshalb galt ich lange Zeit als der ,Mr. Donauinselfest’. Ich wusste lange gar nicht, dass das Fest die Idee von Harry Kopietz war!“, lacht Scheibmaier über die Anfänge von Europas größten Open-air, „danach hab’ ich alles getan, damit die ganze Welt erfährt, dass der Harry dahinter steckt. Das ist mir durch zahlreiche Interviews auch gelungen.“ In den Jahrzehnten des DIF konnte er eine Mannschaft aufbauen, die die Abläufe beinahe im Schlaf beherrscht: „Durch die Jahre wurden wir alle zu Fachleuten und ich komme jetzt erst zwei, drei Tage vor dem Fest auf die Insel. Dann bin ich aber bis zum Schluss jeden Tag vor Ort. Ich bin auch dauernd unterwegs und auf den Beinen, denn nur wenn man ständig unterwegs ist, erkennt man auch Fehler, sieht, wo sich Probleme ergeben könnten. Du musst immer am Ball bleiben!“ Ab und zu muss der ausgebildete Opernsänger selbst auf die Bretter der Festinsel. „Wenn der Peter Rapp nicht da ist, dann springe ich ein und moderiere. Ich bin jemand, der auch auf die Bühne gehen kann!“

Das Donauinselfest hat für den charismatischen Hans Dampf auch nach einem Vierteljahrhundert nichts an seiner Strahlkraft verloren. Im Gegenteil: Scheibmaier freut sich jedes Jahr aufs Neue, wenn die Übung gelingt. „Das ganz besondere ist, wenn der Rapp die Menschen begrüßt und sie bittet, dass sie zur Bühne kommen sollen, weil das Programm beginnt. Dann stehen am Anfang 100, 200 Leut’ dort. Dann füllt es sich und wenn du gegen acht Uhr raus schaust, füllt es sich langsam immer mehr“, erzeugt der Macher Gänsehautfeeling, „wenn die Gruppen am Schluss spielen, siehst du nur noch ein Meer von Menschen. Das ist ein unbeschreibliches Gefühl, das man nicht erklären kann!“ Die Challange bleibt in jedem Jahr die selbe: „Das Inselfest ist eine Herausforderung, und ich werde auch die nächsten zehn Jahre dabei bleiben, bis ich es nicht mehr schaffe. Ich arbeite bis zu dem Moment, wo ich den Löffel fallen lass’!“ Karl Scheibmaier ist einer der Wenigen im Musikgeschäft, der es bis nach ganz oben geschafft hat – und der auch nach seiner offiziellen Pensionierung ganz oben blieb. „Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht und es gibt keinen schöneren Beruf als den Menschen Freude zu bereiten“, schwärmt er von seinem Traumjob, „egal, ob ich ,Christmas in Vienna’ mache oder den Wiener Operettensommer oder mit STS auf Tournee gehe.“

Klar, dass kaum eine anderer mehr G’schichterln und Legendchen, Anekdoten und Bon Mots auf Lager hat, als „der Charly“. Aber es gibt sie, eine Handvoll an Momenten, die ihm nach seinen 25 Jahren Donauinselfest prägend in Erinnerung geblieben sind. „Es gibt Dinge wie der Auftritt von Gianna Nanni, als sie auf eine fahrende Kamera springt und wie auf einem Pferd reitet! Das war ein Aufbrüllen!“, lacht er, „oder als Udo Jürgens schon im Bademantel noch einmal auf die Bühne kommt und sie danach nicht mehr verlassen will. Ein Joe Cocker oder ähnliche Künstler, bei deren Auftritten du ausflippst!“ Für ein Wechselbad der Gefühle sorgte Hans Hölzl, der einen seiner letzten grandiosen Auftritte vor seinem frühen Tod auf der Hauptinsel hinlegte: „Falco. Der Kerl ist nicht daher gekommen! Ich arbeite immer auf die Minute genau, und er kommt fünf Minuten zu spät mit dem Mercedes an. Er springt auf die Bühne und singt. Dann kam das Gewitter – das war spannend! So sehr ich ihn am Anfang verflucht hab’, so glücklich war ich dann, als er trotz Regen auf der Bühne eine legendäre Show ablieferte. Das sind schon irre schöne Momente, die wir hatten. Sternstunden!“