BACK

Das Ballett in Orange

Während des Donauinselfests absolvieren die Mitarbeiter der Wiener Straßenreinigung ihre Kür: Denn knapp drei Millionen Menschen machen viel Mist...

Dreihundert Kubikmeter Müll fallen in den drei Festivaltagen an, vom kleinen Papierl, über tausende Becher bis hin zum „vergessenen“ Eiskasten der Standler. Es sind mehr als 120 Männer, die nach jedem Festivalabend im Morgengrauen die Donauinsel übernehmen. Während sich noch einige „Übergebliebene“ im Grünen ausschlafen, rückt das Ballett in Orange zur siebenstündigen Kür an: Von halb vier Uhr morgens bis 11.30 Uhr wird zusammengeräumt, was andere hinterlassen haben. Von der Floridsdorfer Brücke arbeitet sich ein Trupp der Straßenreiniger die Donau flussab, eine andere Partie beginnt bei der Reichsbrücke, um die sieben Inselkilometer wieder auf Vordermann zu bringen: Die Wege müssen gereinigt werden; mit eigenen „Bandrechengeräten“, die ähnlich wie Heuwender funktionieren, wird der Abfall von den Wiesen gekehrt; mit Laubsaugern wird der Kleinpapierflut zu Leibe gerückt; die Böschungen und Sträucher werden händisch von Weggeworfenem befreit; 750 zusätzliche Müllcontainer werden aufgestellt und täglich entleert; die fixen Betonmistkübel werden von eigenen „Inselsaugern“ leer gesaugt; und, und, und...

Man stelle sich vor: Türmt man den Mist auf einer Breite von drei Metern einen Meter hoch auf, so ist der Müllberg 100 Meter lang! Zusätzlich produzieren die 250 Gastro-Verkaufsstände 1300 Liter Altöl, die nach dem Event mit einem eigenen Spezialfahrzeug entsorgt werden. Robert Mannsberger ist einer der beiden zuständigen Kehrbezirksleiter, die während des Fests für eine saubere Insel sorgen. Es war 2007 bereits sein 14. Donauinselfest und der stattliche Mann hat seine Hundertschaft an Arbeitern bestens im Griff. Die Moral ist ausgezeichnet, denn alle melden sich freiwillig zum Einsatz während der größten Party Europas. „Ich fange etwa sechs Wochen vorher an, bei den anderen Bezirken Fuhrwerk und Personal zu bestellen“, umreißt er seinen Aufgabenbereich, „Die richtige Arbeit beginnt vier, fünf Tage vor dem Fest, wenn die Schneezaunelemente auf der Floridsdorfer Brücke aufgestellt werden. Das sind Holzgitter, damit die Menschen nicht auf die Straßenbahngeleise gelangen können. Diese Absicherung der Floridsdorfer Brücke machen wir für die Wiener Verkehrsbetriebe.“ Aus ganz Wien rekrutiert der 39jährige seine Arbeiter. „Mit der Müllabfuhr und allem drum und dran sind es 120 Mitarbeiter, die an jedem Tag im Einsatz sind. Es tun jeden Tag die gleichen Arbeiter Dienst, denn wir Aufsichtspersonen bräuchten sonst jeden Tag Stunden, um jedem aufs Neue zu erklären, was er zu tun hat. Die Leut’ machen das Inseleinsatz zum Teil bereits jahrelang.“, erklärt Mannsberger. So kochenhart der Job auch klingt, es ist keine Zusatzbelastung, die Insel zu „entmisten“: „Die Polizei und die Feuerwehr haben 24 Stunden Dienste, wir fangen um halb vier in der Früh an und gehen um halb zwölf wieder nach Hause. Es hat jeder Zeit, sich auszurasten. Unsere normale Arbeitszeit ist von sechs bis halb drei Uhr nachmittags.“

Eine Alternative zur nachtschlafenen Arbeitszeit gibt es nicht, denn bevor die Menschen wieder die Insel stürmen, muss alles fertig sein. „So ab halb zehn in der Früh wird es mühsam, wenn die ersten Radfahrer kommen. Dann kann man nur noch auf den Böschungen arbeiten“, weiß Mannsberger um die Arbeitserschwernisse. Walter Salge, einer der Männer direkt an der „Müllfront“: „Man muss sehr aufpassen, wenn man mit dem Muli fährt oder mit dem Besen kehrt, sonst fliegt dir wer drüber. Die Menschen sind aber freundlich zu uns. Die Übergebliebenen, noch erheiterten, begrüßen uns immer sehr, sehr nett. Es ist recht locker.“

Der 37jährige Salge kennt die Moral seiner Kollegen ganz genau, denn er ist einer von jenen, die frühmorgens auf den Böschungen den Müll einsammeln. „Es gibt keinen, der sich nicht für die Donauinsel meldet. Man kann gar nicht alle nehmen, so viele sind das! Man macht das wegen der Abwechslung, denn es fallen ganz andere Arbeiten an“, strahlt der langjährige MA48-Mitarbeiter, der bereits acht Mal beim Inselfest aufräumt. „Ich bin normaler Weise auf der Straße tätig, auf der Insel ist die Herausforderung größer. Alles aus den Sträuchern herausholen. Es sind komplett andere Tätigkeiten. Ich kehre nicht mit dem Besen, ich kehr’ mit einem Rechen. Wir sind mit Laubgebläsen unterwegs. Mit Zwickerln... es ist für jeden etwas anderes! Ich fahr auch mit Fahrzeugen, Spritzwägen... Die Heuwender kommen nach wie vor zum Einsatz. Die sind super!“

Der erste Einsatz beginnt, wenn die Massen am Freitag abgefeiert haben und daheim noch ausschlafen. Mannsberger: „Samstag in der Früh beginnt der eigentliche Einsatz um vier Uhr. Alle 120 Mann werden aufgeteilt. Wir treffen einander bei der Floridsdorfer Brücke, alle Kollegen aus den Fremdbezirken, alle Sauger kommen dort hin. Ich hab’ meine drei Aufseher, da wird das Ganze gesplittet. Jeder Aufseher hat seinen Bereich zu reinigen und alles kommt ins Laufen. Nach einer Viertelstunde ist jeder dort, wo er hingehört und es wird gearbeitet. Es kommt ein Trupp von der Reichsbrücke hinauf und wir treffen uns in der Mitte. Diese Partie trifft sich vorher im Prater. Und auch der Bereich vor der Millennium City und die Country Insel werden von uns gereinigt.“ Dann beginnen sie mit der Riesenarbeit, sich um viel – sehr viel – Mist zu kümmern. „Es sind ca. 300 Kubikmeter Müll an drei Tagen. Das ist im Prinzip nichts anderes, als das, was auf der Straße liegt und was in den Papierkörben drinnen ist. Papierln, Becher. Auch Flaschen, die werden aber von Jahr zu Jahr weniger. Mit den Flaschen haben wir am meisten zu kämpfen, aber im Prinzip ist es ganz normaler Mist“, zieht der Kehrbezirksleiter eine langjährige Bilanz, „Am Schluss lassen die Standler dann auch Sperrmüll zurück.“ Nicht alles, was Salge findet, ist auch wirklich Müll: „Man findet ab und zu Schlafende an ganz komischen Stellen. Da liegt einer am WC, einer unter der Brücke, einer in den Sträuchern oder zwischen den Standeln. Da schreckt man sich!“ Und sein Chef, Mannsberger, ergänzt: „Es wird genug verloren. Das, was die Kollegen beim Kehren finden, werfen wir in die Fundbox bei der Floridsdorfer Brücke. Ausweise, Schlüsselbunde, leere Geldbörsen, Pässe, Führerschein, Kreditkarten. Was eingesaugt wird, ist unwiederbringlich weg.“ Und er fügt lachend hinzu: „Wir finden auch die eine oder andere Unterhose im Gebüsch, die dort ,vergessen’ wurde!“

Der Feind des Müllmanns ist – wie der aller Festival-Beteiligten – schlechtes Wetter. Walter Salge kann davon erzählen: „Was uns Arbeiter stört, sind Wind und Regen. Der Wind verbläst alles, es liegt dann alles auf den Böschungen, die sehr steil sind und das Arbeiten ist nicht gerade einfach. Wenn es regnet, bleibt alles picken und die Sauger verstopfen.“ Das Publikum könnte den Männern in der orangen Uniform das Leben erleichtern, denn nur zu oft findet eine Hand den Mistkübel nicht. „Natürlich wünschen wir uns von den Besuchern mehr Disziplin und weniger Vandalismus. Es stehen 750 große Müllgefäße herum, da stehen alle fünfzehn, zwanzig Meter mindestens zwei oder drei Stück. Und die sind sicher nicht so voll, damit man was daneben schmeißen muss“, versucht Mannsberger den Insulanern ins Gewissen zu reden, „Die Standler werfen ihre Sachen in die Gebinde, das sind dann die, die überquellen.“ Besonders freut es den „Ober-Saubermann“, dass sich das Pfandsystem bei Bechern – statt Dosen und Glasflaschen – durchgesetzt hat. „Seit zwei oder drei Jahren gibt’s die kompostierbaren Becher, die müssen aber zurückgegeben werden. Wenn die eingesaugt werden sind sie auch weg und werden thermisch verwertet“, erklären er.

Erst am Freitag nach dem Inselfest ist das große Reinemachen beendet. „Am Montag fangen wir erst um sechs Uhr an, da ist der Druck nicht mehr so groß. Und erst am Freitag danach ist Endreinigung, weil die Standler so lange brauchen, um abzubauen“, schildert Mannsberger den letzten Arbeitsschritt beim Projekt DIF, „Da haben wir viel Sperrmüll. Da sind nur noch 30, 40 Mann dabei, und nicht mehr die komplette Partie.“ Dass einige Gastronomen ihre Geräte zurück lassen, ist nichts besonderes, weiß Salge zu berichten: „Da kommen manche mit Kühlschränken hin, die gerade noch die paar Tage funktionieren, und die lassen sie dann auf der Insel.“

Auch in den kommenden Jahren wird das Inselfest das Ballett in Orange auf Trab halten, und Mannsberger sieht keine Probleme. Wie schon in den vergangenen Jahren hofft er auf zahlreiche Freiwillige. Natürlich spielt das liebe Geld dabei eine Rolle: „Zwangsvergattert werden die Mitarbeiter nicht. Da wir in ganz Wien 1100 Mitarbeiter haben, gibt’s immer genug Freiwillige, damit wir niemanden zwangsverpflichten müssen. Das Inselfest ist eine Abwechslung. Und das sind alles Überstunden, das wird extra bezahlt!“ Auch Salge ist im kommenden Jahr wieder dabei. „Wenn ich auf der Straße bin, kennt man die Leute. Man wird Teil dieser Strecke, Teil der Straße. Wir haben Kollegen, die grüßen die Randsteine wenn sie hinkommen: Servus Karl, servus Franz. Die sind so lange auf einer Strecke, dem würde man was antun, wenn man ihn woanders hin versetzt“, lacht er.

Robert Mannsberger wird auch im Jubiläumsjahr den Einsatz leiten. „Es ist für mich jedes Jahr wieder schön, die Herausforderung anzunehmen, die die Planung darstellt“, strahlt der Beamte, „Und ich hoffe, dass dann alles schön abläuft. Es fängt immer ein Bissl hektisch an. Aber Routine gehört auch dazu. Jedes Jahr, wenn der Rollsplitt aus dem Winder eingekehrt ist, kommt als nächstes das Donauinselfest dran.“ Und er lässt einen Blick hinter die Kulissen zu. „Mein Wissenstand ist, dass bei der Euro 2008 nichts Zusätzliches auf der Insel auf uns zu kommt, aber das werden wir noch sehen“, ist er zuversichtlich. Aber er weiß ganz genau über die Zusatzbelastungen Bescheid. „Es gibt in ganz Wien Fanmeilen, und wir werden schauen, wie wir das Personal zusammen bekommen. Da gibt’s dann eine Urlaubssperre. Ich hab’ aber keine Angst, dass wir das nicht zusammen bringen. Überhaupt nicht! Ich wünsch mir halt mehr Disziplin der Besucher, denn wir müssen sonst jedes Papierl händisch zusammenklauben."