
Knochenbruch und Wiederbelebung: Wer medizinische Hilfe braucht, kommt zum Arbeitersamariterbund!
„Es ist schön komprimiert. Ich hab’ alle drei Tage viel zu tun, es ist die komplette Bandbreite an Fällen da, es ist bunt gemischt. Das macht den Dienst so ,schön’, weil wir nur zum kleinen Teil Betrunkene haben. Im Gegensatz zu dem, was manche Medien berichten. Das wär’ ja bald fad. Und nur Pflaster picken will auch niemand. Es kann alles kommen, genauso wie in einem normalen 24 Stunden-Dienst.“ Roman Koch ist Sanitäter. Ehrenamtlich, versteht sich, denn im Brotberuf ist der Vater zweier Töchter bei „Österreichs größtem Transportunternehmen“ tätig, der ÖBB. Koch ist nur einer von knapp 300 Einatzkräften des ASBÖ Floridsdorf-Donaustadt und einiger „Gast-Sanis“, die alljährlich die kleinen Wehwehchen und größere Blessuren – bis hin zum Herzinfarkt – versorgen.
„Mehr als 90% der Fälle werden vor Ort versorgt. Es gibt auf der Insel nichts, das es nicht gibt. Von verrenkten bis gebrochenen Extremitäten, weil die Leute herumklettern. Es gibt viele Kreislaufprobleme wenn es heiß ist, Herzinfarkte, gebärende Mütter, Raufhandel, Stich- und Schusswunden. Leute fallen ins Wasser, die zieht die Wasserrettung mit ihrem Boot aus dem Entlastungsgerinne“, ergänzt Erwin Scheidl, der oberste Boss des lokalen Samariterbundes. Er ist für den gesamten Einsatz des Rettungsdienstes beim Donauinselfest verantwortlich. Im Zivilberuf sitzt er in der Direktion der Wiener Linien in Erdberg. Dort plant er den Ausbau der U-Bahn. Er ist einer derjenigen, die sich vollkommen unentgeltlich und ehrenamtlich in den Dienst des Festivals stellen. „Andere gehen auf den Fußballplatz, mein Hobby ist der Arbeiter Samariterbund. Das Donauinselfest ist mein Highlight des Jahres“, gibt sich Scheidl begeistert.
Bernhard Lehner, 32, ist im zur Hälfte Banker, zur anderen Geschäftsführer des ASBÖ Floridsdorf-Donaustadt. 2007 war „mindestens mein zehntes Inselfest“ – und es ist eine Frage der Ehre, dass er Jahr für Jahr auf den privaten Besuch des größten Open-airs Europas verzichtet. „Es lässt sich nicht einfach klassifizieren, es geht von der Schnittverletzung bis zum Herzinfarkt. Es ist alles drinnen, es deckt das ganze Spektrum ab. Das ist der Grund für viele von uns dort Dienst zu tun, weil man alles erlebt. Vom Pflasterpicken und der Blase im Schuh bis zur Reanimation nach einem Herzinfarkt, die positiv ausgeht.“
Drei Herren, stellvertretend für 300 Mitarbeiter des Sanitätsdienstes. Es sind im Durchschnitt täglich 150 Frauen und Männer, die an drei Festtagen bis zu 1000 Blessuren aller Art verarzten. Wenn Hunderttausende abfeiern, kämpfen sie sich durch das dichte Gewühl der Fans, um zu Verletzten vorzudringen. Für den Einsatzleiter des Rettungsdienstes, Scheidl, ist das Donauinselfest das ganze Jahr lang ein Thema. In den Wochen nach jedem Festival trifft man sich zu Nachbesprechungen und, mit anderen Behörden und den Veranstaltern, zum Meinungs- und Informationsaustausch. Die Nachwehen sind relativ rasch beseitigt: „Wir schauen, dass wir innerhalb von einer Woche alles abgebaut haben, ausgeborgte Sachen zurückgeben und einen Monat später gibt’s die Nachbesprechung. Was können wir besser machen, was hatten wir gut im Griff? Das wird mit einem Grillfest im Juli abgeschlossen.“ Danach sitzt Scheidl bereits wieder am Schreibtisch über den Plänen zum nächsten Inselfest. „Ab März, April beginnt die Dienstplaneinteilung, ab Mai wird es heftig, da sich die Planung laufend ändert. Es kommen Aufgaben hinzu, die zwar nicht direkt mit dem DIF zu tun haben aber mitbetreut werden müssen. Ab Mai gibt’s die Koordinierungsbesprechungen mit der Organisation, Sicherheitsbesprechungen, Begehungen. Da wird es heftig“, skizziert er, „Das nötige Material wird zusammengetragen, die Geräte und Fahrzeuge werden auf Vordermann gebracht, damit alle Reserven zur Verfügung stehen. Je näher das Fest rückt, desto mehr rotieren die Menschen. Nach 24 Festen sollte aber vieles Routine sein, jetzt sehe ich dem Ganzen schon gelassen entgegen.“ Scheidl selbst war – mit Ausnahme der „Nullnummer“ im Jahre 1983 – bisher jedes Mal im Einsatz. Es kann manchmal eng werden, und den zwanzig Mitarbeitern, die im Vorfeld tätig sind, rauchen schon die Köpfe: „Der Worst Case ist, dass ein paar Tage vor dem Fest ein paar Rettungswagen ausfallen, ein paar Mitarbeiter erkranken und dass eine Materiallieferung nicht kommt. Innerhalb des ASB haben wir Österreichweit den Rückhalt, dass wir uns Fahrzeuge oder Material ausborgen können. Bei Sponsoring sind Firmen uns gegenüber sehr großzügig und wir machen ja auch ein Bissl Werbung im Umfeld.“
In seiner Eigenschaft als Boss der Inselrettung dirigiert er an jedem der Festivaltage bis zu 150 Frauen und Männer, insgesamt ist er Herr über mehr als 300 Einsatzkräfte. Zehn Ambulanzzentren, ein Ablagezelt (wo Verletzte behandelt werden), eine mobile Einsatzzentrale, elf Rettungswagen, drei Noteinsatzfahrzeuge mit fünf Notärzten und sogar ein Rettungsboot hören auf sein Kommando. In der mobilen Leitstelle bei der Floridsdorfer Brücke verbringt er knapp 80% des Einsatzes. „Der Bus ist klimatisiert“, lacht Scheidl, der vor Riesenhitze keine Angst haben muss.
Den Rest der Zeit ist er bei einem der zahlreichen Stützpunkte anzutreffen. Und dort trifft er unter anderen auch auf Roman Koch. Sein Dienstalltag 2007: „Ich war am Freitag in einem Rettungswagen tätig, und am Sonntag auf einem Notarzteinsatzfahrzeug, auf dem nur der Notarzt und der Sanitäter Platz haben und keine Patienten transportiert werden. Freitag und Sonntag ist man am Mann, als Ambulanzleiter am Samstag kümmert man sich um andere Dinge und ist nicht direkt am Patienten. Das Management, von der Material- bis zur Personaleinteilung, der Abtransport der Patienten, die Leute bei Laune zu halten ist dann die Aufgabe. Ich bin also so etwas wie ein kleiner Filialleiter.“ Dort, wo derart viele Menschen auf engem Raum eine lange Zeit miteinander verbringen, ist ständig etwas los. „Die Menschen kommen mit neuen Schuhen hin und brauchen dann am Nachmittag genauso wie zu Mitternacht ein Pflaster, wenn die Füße wund gelaufen sind. Es gibt Menschen, die haben auf der Donauinsel den Asthma-Spray nicht mit, die fallen um drei Nachmittag um genauso wie um zwei in der Früh. Verknackste Füße gibt’s nicht nur beim Sport, sondern auch, weil die Leut’ mit Stöckelschuhen tanzen“, plaudert Roman Koch aus der Schule und fügt eine „Erleichterung“ der Insel-Arbeit hinzu: „Auf der Sportinsel hört das Programm am Abend ja auf, da kommt von dort nichts mehr.“
Die Patienten verhalten sich so wie das Wetter – viele Einsätze können vorhergesagt werden. „2006 war der Schwerpunkt auf Kreislaufkollaps, durch die Hitze. 2007 war der Schwerpunkt bei Verletzungen, wo Menschen ausgerutscht sind, sich verknöchelt haben. Die Alko-Kontrollen haben sicher ein Übriges dazu beigetragen, dass es weniger Einsätze gab, obwohl das Komasaufen beim Inselfest nie wirklich ein Thema war. Die Menschen sind in den vergangenen Jahren deutlich ruhiger und disziplinierter geworden. In den ersten Jahren gab es die großen Raufereien und Schlägereien, das gibt es nicht mehr. Höchstens Rangeleien. Das DIF ist sicher gesellschaftsfähig geworden, es kommt vom Generaldirektor bis zum Sandler jeder.“, freut sich Erwin Scheidl über das ruhige Festival im Juni 2007. Besonders erfreulich – und lebensrettend – waren zwei Einsätze: „Wir hatten zwei erfolgreiche Reanimationen, bei einer hat die Polizei vorbildhaft begonnen! Beim zweiten Mal waren wir direkt gleich vor Ort. Es war alles zur Zufriedenheit.“ Ein Einsatz, von dem jeder schwärmt. Bernhard Lehner unterstreicht: „Man freut sich, wenn man jemandem hilft und wenn man Feedback vom Patienten bekommt. Was hervorgehoben werden muss ist, dass ein Polizist einen Mann reanimiert hat bis wir vor Ort waren, und der Patient ist durch gekommen. Das war schön, die Rettungskette hat ideal funktioniert.“ Roman Koch hebt die Ersthelferleistung besonders hervor. „Es ist wichtig, dass die Menschen die richtigen Erstrettermaßnahmen setzen bevor wir als Rettung vor Ort sind. Dann haben wir es leichter. Auch auf der Donauinsel dauert es fünf, zehn Minuten, bis da Ort sein können. Wenn ich diese Zeit daneben stehe und nichts tu, kann es zu spät sein.“
Für den Familienvater Scheidl ist das Opfern des Privatbesuchs auf der Insel kein Problem: „Wir übersiedeln am Donnerstag hin und gehen am Montag wieder nach Hause. Die Einsatzleitung wird nicht ausgewechselt, die Mannschaft schon. Ich schau mit am Montag die Symphoniker an, da ist es ruhiger, auf den Rest kann ich verzichten.“ Dazwischen gibt’s Duschpausen, und der sympathische Rettungsmanager kann sich „drei, vier Stunden hinlegen“. Anders Roman Koch. Er bleibt entweder auf der Insel, oder nächtigt am neuen Stützpunkt des ASBÖ, der keinen Steinwurf weit entfernt liegt. „Es gibt schon Ruhezeiten, keine Frage. Ich war am Freitag am Rettungswagen und konnte mich dann am Insel-Stützpunkt ausschlafen. Am Samstag war ich Ambulanzleiter, anschließend, in der Nacht auf Sonntag war ich mit dem Notarzteinsatzfahrzeug unterwegs, und den ganzen Sonntag über auch. Wir hatten aber in der Nacht keinen einzigen Einsatz und konnten also schlafen. Ab drei in der Früh war es sehr ruhig. Meine Familie akzeptiert das, und meine älteste Tochter kommt schon gerne am Samstag zum Helfen zur Ö3-Bühne in die Ambulanz, Zettel schreiben und so“, erzählt er freudig und lacht: „Meine Frau freut sich auch, die ist mich drei Tage lang los!“
Trotzdem ist nicht alles rosarot beim Arbeitersamariterbund-Einsatz beim Inselfest. Scheidls Wunsch für kommende Feste ist immer der selbe: „Dass die Menschen gesittet sind und, dass man uns ein Bissl mehr Respekt entgegenbringt. Wir fahren ja nicht zum Spaß mit Blaulicht herum. Da werden unsere Leute oft beschimpft.
Wenn so viele Menschen auf einem Platz sind, ist das Aggressionspotential dementsprechend hoch. Und das entlädt sich dann an jenen, die besonders laut sind. Das sind auch unsere Rettungsfahrzeuge bzw. das bekommt auch die Polizei ab...“ Am eigenen Leib hat das sein Kollege Lehner bereits erlebt. „Es fängt bei der Ohrfeige an, die sich jeder von uns schon von einem rabiaten Patienten eingefangen hat an“, erinnert sich Bernhard Lehner, „Wir kämpfen oft damit, dass die Menschen kein Verständnis haben. Wir fahren ja nicht zum Vergnügen mit Blaulicht und Signalhorn herum, und manchmal ist es nicht vermeidbar, dass wir durch die Massen durch müssen. Ärgerlich ist auch, dass uns oft bei den Rettungsfahrzeugen die Türen aufgerissen werden, weil es halt ,lustig ist zu sehen, was drinnen passiert’. Das führt oft zu Verärgerungen.“
Und man kommt auch mit den ganz Großen des Music-Biz auf Tuchfühlung. Roman Koch: „Das absolute Highlight, was Stars anbetrifft, waren die Backstreet Boys, die wir mit dem Rettungswagen zur Bühne gefahren haben! Sonst wäre niemals ein Durchkommen möglich gewesen. Das hat die breite Masse aber mitbekommen und Fans haben angefangen, unsere Fahrzeuge zu zertrümmern. Nach der Show wurden bei Ambulanzwagen die Seitenwände aufgerissen. Obwohl die Stars längst weg waren glaubten Fans, dass in jedem Auto ein Backstreet Boy versteckt ist!“ Bei Koch schneite heuer hübscher Damenbesuch vorbei. Nachdem sich Kabarettist Alf Poier verarzten ließ, musste auch Chrissi Klugs Freund zur Ambulanz und ließ sich die Hand verbinden. Seine berühmte Freundin vom Star-Duo Luttenberger*Klug kam bei der Suche nach ihrem Partner persönlich vorbei „...und hat geschaut, ob er noch da ist. Aber er war schon wieder weg. Ich war übrigens der einzige in unserer Ambulanz, der sie erkannt hat!“
2007 war ein „gutes“ Donauinselfest-Jahr und Erwin Scheidl konnte sein Lieblingsresümee ziehen: „Gut ist’s gegangen, nichts ist geschehen! Ich war von zehn Uhr vormittags bis vier, fünf Uhr in der Früh vor Ort in der Einsatzleitung. Der Samstag war extrem heftig, die beiden anderen Tage sind dahin geplätschert. Meine Familie hat sich mit den drei Abwesenheitstagen abgefunden.“ Besonders hebt er die Zusammenarbeit mit Polizei, Feuerwehr und „seiner“ Rettung hervor: „Es klappt hervorragend, wir haben heuer Testläufe mit Feuerwehrbooten gemacht, da gibt’s noch Verbesserungspotenzial in den kommenden Monaten. Wir haben erstmals das Zusammenziehen von anderen Einheiten des ASB aus Wien getestet, das hat auch funktioniert.“
Aus aktuellem Anlass wurde 2007 das Thema „Alkohol“ besonders in den Vordergrund gestellt. Zum ersten Mal gab es eine Hausordnung, die den Verkauf von Alkoholika an unter 16jährigen streng untersagte. Bei den Zugängen zur Insel gab es Taschenkontrollen, und Hunderte Flaschen Hochprozentiges wurden abgenommen. Eine Maßnahme, die auch die ASB-Jungs freut. Lehner: „Komasaufen, obwohl oder gerade weil es überall in der Presse war, war kein Thema. Wir haben das vor allem bei der Ö3-Ambulanz gemerkt, wo ständig Sicherheitsdienste vorbei gekommen sind und irgendwelche Flaschen abgegeben haben, die sie bei Jugendlichen konfisziert hatten. Die wussten nicht wohin damit und haben sie bei uns gelassen. Die Einsätze mit alkoholisierten Jugendlichen sind merklich zurückgegangen.“ Auch Koch kann diese Erfahrung bestätigen: „Es war am Samstag in der Ambulanz bei der Ö3-Bühne noch nie so wenig los wie heuer. Normaler Weise schlafen sich da schon einige den Rausch aus, heuer war kein einziger da.“
Roman Koch, der familiär vorbelastet ist (seine Eltern sind beim Samariterbund, die Tante war Gründungsmitglied der Gruppe Floridsdorf-Donaustadt), freut sich jedes Jahr aufs Neue. „Das Fest ist ein Fixpunkt, an dem mir meine Familie drei Tage frei gibt. Ich ziehe am Freitag aus und komme am Montag wieder heim, dazwischen bin ich nur beim Samariterbund. Ich schlafe unten, mache die Nacht bei Bedarf durch – das ist ein Fixpunkt, der sich ein eingebürgert hat und der bleibt, solange ich es körperlich und gesundheitlich machen kann.“ ASB-Geschäftsführer Lehner ist vom Teamwork der gesamten Mannschaft fasziniert. „Es ist für mich das Hightlight des Jahres. Da gibt’s eine Gemeinschaft unter uns Freiwilligen, da arbeitet man gemeinsam drauf hin, es freut sich jeder. Am Montag danach ist zwar jeder am Boden und k. o. aber letztlich freut man sich schon aufs nächste...! Es schweißt uns eher zusammen. Wir sind auch so professionell, dass jeder weiß, dass man nicht die Befindlichkeit jedes Einzelnen berücksichtigen kann. Deshalb klappt das ja über diese Tage so gut, wo derart viele Sanitäter im Einsatz sind. Und die machen es ehrenamtlich. Es ist toll, dass man das in einer Großstadt wie Wien noch auf die Beine stellen kann. Für mich ist das ein Highlight, denn Städten wird ja immer unterstellt, sie seien unpersönlich. Dass das auf ehrenamtlicher Basis bewerkstelligt werden kann, ist schon beachtlich! Wien ist doch anders!“ Und Koch ergänzt: „So sehr es vielleicht unter dem Jahr Reibereien – auch bei der Vorbereitung aufs DIF – gibt, weil es stressig ist, spätestens an den drei Tagen funktioniert alles. Jeder macht seine Arbeit, jeder kennt seinen Platz.“ Für Koch und Lehner wird die Donauinsel für ein Wochenende pro Jahr noch lange Zeit das zweite Zuhause sein, denn sie wollen nicht nur beim 25. Jubiläum mit dabei sein – und helfen –, sondern auch beim 50. DIF. „Wenn es sich gesundheitlich noch ausgeht, sind wir dabei! Warum nicht, keine Frage!“, lautet unisono die Antwort.