
Sascha Kostelecky - Der Kronprinz von der Donauinsel
„Gott hat mir nur ein großes Mundwerk gegeben!“ – und mit diesem karrt Sascha Kostelecky Sponsoren an, schmiedet Kooperationen und dirigiert bis zu 1500 Menschen, die das Donauinselfest jedes Jahr erst möglich machen.
Sascha Kostelecky ist der „Kronprinz“. Zum dritten Mal hatte der Eventmanager im Jahr 2007 alle Fäden des Donauinselfests fest in der Hand, inthronisiert von Übervater und DIF-Erfinder Harry Kopietz, der nach wie vor das letzte Wort hat. Es sind einige Hundertschaften an Helferinnen und Helfern, die – ehrenamtlich oder gegen Bares – jedes Jahr aufs Neue verhindern, dass das Donauinselfest zum Groß-Chaos wird. In einem kleinen Gassenbüro in Wien-Neubau laufen alle Fäden von Europas größter Party zusammen. Hier sitzt er mit Boxer Ernesto und seinem kleinen Team von Eingeschworenen. Sie sind die eigentlichen Insel-Macher.
In den letzten Wochen vor dem Fest sind Termine bei dem smarten Typ nur schwer zu bekommen, vieles ist sogar unmöglich. „In den Wochen vor dem Festival sind unsere Termine kein Wunschkonzert!“, poltert Kostelecky. Es brodelt im Büro: In den letzten Wochen vor dem großen Happening ist es unmöglich, das Kern-Team des DIF an einen Tisch oder auch nur zum gemeinsamen Fototermin in ein Büro zu bekommen! Der eine ist auf der Insel unterwegs, erledigt die dutzendste Begehung mit Behörden, die andere organisiert das Auspumpen der WC-Anlagen. Dort will ein Sponsor sein Werbetransparent besser platziert haben, dann ist die Wiese, auf der bald die Ö3-Bühne stehen soll zu nass, um Garderoben-Container aufzustellen – die Sprinkleranlage, die die Insel bewässert, wurde noch nicht abgestellt. Das Telefon – besser: die Telefone – klingeln im Stakkato, Kosteleckys Hund wirbelt durch die Räume, Ferialpraktikantin Alina versucht, Ordnung in die Visitenkarten zu bringen. Das Team ist im Dauereinsatz, kaum jemand murrt, jeder zieht am gemeinsamen Strang. Und es geht nur gemeinsam. „Gott hat mir nur ein großes Mundwerk gegeben und mit dem kann ich arbeiten, für die logistischen Sachen ist die gute Fee, Petra Pawelka, zuständig.“ Kostelecky muss aus Wenig oft viel machen: „Das größte Manko des DIF ist das Geld. Wir freuen uns zwar über drei Millionen Besucher, können da aber nicht mitpartizipieren, da es ja keinen Eintritt gibt.“ Trotzdem ist es für ihn immer „ein kleines Wunder“, dass alles funktioniert: „Das Geile ist, wenn man unten steht und sieht, wofür man ein Jahr gearbeitet hat. Das grenzgeniale sind die hüpfenden, schreienden, tobenden Massen vor den Bühnen, es bricht nix zusammen und man merkt: Wir haben es wieder geschafft. Es ist immer ein kleines Wunder.“ Angemerkt werden muss, dass der Power-Eventmanager mit seiner Mannschaft bis zu 150 Veranstaltungen im Jahr betreut – das Donauinselfest inklusive!
Sein erstes Inselfest als „Aktiver“ erlebte Sascha im Alter von 15 Jahren als Helfer beim Getränkeausschank. Danach war einmal Pause. Erst als Harry Kopietz auf das Talent aufmerksam wurde und ihm die Organisationsleitung von Europas größtem Kultur-Happening übertrug, ist er wieder mit dabei. „Ich erledige die Projektleitung und unterstehe alleinig dem Harry Kopietz“, umreißt er seine Aufgabengebiete, „ich bin für alle Insel-Kilometer zuständig. Allerdings liegt meine Hauptaufgabe in der Sponsorenabteilung. Da müssen Mediendeals eingefädelt werden, Texte für Radio-Spots abgesegnet werden, die Werbelinie wird festgelegt und dazu kommt noch alles, was das Thema Sponsoring betrifft. Persönlich hab’ ich 2007 die Themeninseln MTV, VIVA und ATV im Besonderen vor Ort betreut.“ Für Kostelecky ist das Donauinselfest ein Dauerthema: „Es beginnt im September mit der Erstellung von Sponsorkonzepten, die Werbeleistungen werden berechnet. Von Februar bis Juni ist die Hardcore-Phase. Wir sind ja eine Eventagentur und machen zusätzlich zum DIF 150 Veranstaltungen im Jahr, wir betreuen Kunden wie ,PlayStation’. Ich bin das Sprachrohr nach Außen. Der Rest passiert im Team, zwölf bis 14 Stunden am Tag wird gearbeitet, an sieben Tagen in der Woche.“ Was kaum jemand weiß und Sascha selbst ungern verrät: In den letzten beiden Monaten vor dem Beginn des Events gönnt er sich selbst keinen freien Tag! Während der heißen drei Festivaltage gibt’s für den Organisator Schlaf nur in Notrationen. Fünf bis sechs Stunden sind es maximal, die Kostelecky daheim im Bett verbringt. „Ich ziehe aber mein Bett dem Container auf der Insel vor!“, lacht der Mr. Sypathico.
Kostelecky ist – genauso wie der Rest der eingespielten Crew – ein überzeugter Teamplayer. „Ich kann mich kreativ sehr einbringen und in Absprache mit Harry frei arbeiten“, erläutert er und unterstreicht: „Das Team ist toll, und so eine Aufgabe kann nur ein Team erledigen, alleine geht gar nichts. Obwohl wir vier Monate lang auf engstem Raum zusammengepfercht sind, passt die Stimmung. Das gemeinsame Umsetzen der Vorhaben und vor allem die Teamerfahrung ist großartig!“ Jeder identifiziert sich mit dem Fest und wir haben unseren Spaß. Irgendwie sind wir mit dem Fest verheiratet.“ Aber nicht immer ist alles sonnig für den Sunnyboy mit dem Handy-Kopfhörer im Ohr. „Schlechte Erfahrungen gibt’s immer, ohne Negativem gibt’s nix Positives“, wird Sascha kurz nachdenklich, „Aber die unangenehmen Dinge sind nach zehn, fünfzehn Minuten wieder vergessen!“
Rückblick in den Juli 2007. Es sind noch zwei Tage bis zum Donauinselfest, alles läuft wie am Schnürchen. „Ich habe am Mittwoch noch zu Petra gesagt, dass mir das alles zu problemlos und locker abläuft, alles klappte. Irgendwas muss da noch kommen“, erinnert sich der DIF-Macher. Das dicke Ende kam am Donnerstag in Gestalt einer massiven Unwetterfront, die sich äußerst schnell und direkt auf Wien zu bewegte: „Wir hatte Akutwarnung Rot am Donnerstag, das kannte ich zuvor gar nicht. Sturmböen von 140 bis 150 km/h fegten über uns hinweg, die WAT-Bühne ist eingeknickt, Zelte flogen durch die Gegend. Einer unserer türkischen Gastronomen hielt verzweifelt seine Zelte fest, weil er um seine Existenz gebangt hat. Da wurde mir schon mulmig.“ Die sprichwörtliche Schrecksekunde dauerte nicht viel länger, der Troubleshooter in Kostelecky war nun am Drücker. Noch immer hat er die Situation vor Augen: „Wir sind mit dem Feuerwehrauto über die Insel gefahren, um die Menschen unter die Brücken zu scheuchen. Menschenleben gehen immer vor! Erst dann ging es um die Sachschäden. In solch einem Moment sieht man, wie klein der Mensch gegenüber den Naturgewalten ist. In Wahrheit kann man da man von hinten bis vorne einen Scheißdreck dagegen ausrichten!“
Zum Nachdenken blieb keine Zeit, es musste sofort reagiert werden. War das Inselfest noch zu retten? Wie groß sind die Schäden an Bühnen, Technik und Zelten? Wie gefährlich ist der mit Regen voll gesogene Rasen? Kostelecky im O-Ton: „Nach dem kurzen Schock, der etwa fünf Minuten gedauert hat, haben wir Pläne geschmiedet, wie wir das alles bis Freitag zum Spielen bekommen.“ Die erste Bestandsaufnahme machten sein Team und er noch während des Sturmes. Das Ausmaß der Verwüstungen war groß. „Uns fehlten eine gesamte Bühne, dreißig bis vierzig Zelte, auf der Hauptbühne war ein Dach umgerissen, bei der MTV-Bühne waren die Seitenteile weg, bei jeder Bühne gab es irgendwelche Probleme“, trieb ihm der Schrecken den Schweiß auf die Stirn. Doch die Lösung kam prompt: „Da ist aber so ein gutes Team von Leuten am Werken, die zum Teil schon zwanzig Jahre mit dabei sind. Wir waren eine große Familie, jeder hat dem anderen geholfen. Wir haben Teams zusammengestellt, um strukturiert vorgehen zu können.“ Beim Blitzeinsatz nach dem Unwetter standen sofort 300 Menschen bereit!
Am Freitag Nachmittag dann das große Wunder: „Wir haben zu spielen begonnen, zum Teil noch mit einem Minimum an Licht- und Ton-Technik weil vieles noch nass war. Techniker haben zum Teil mit Föhns einzelne Lampen getrocknet, es gab schon skurrile Szenen. Aber man hat richtig gemerkt, dass von den Behörden bis zum Stagehand jeder am selben Strang gezogen hat. Und wir haben gespielt. Dann gab es wieder Sturmwarnung...“
Es gibt keinen Besseren, der die folgenden drei Stunden schildern könnte als der oberste Manager des Donauinselfests. „Wir hatten die Szenarien, ein Sturm mit 80 bis 100 km/h, da wussten wir ja schon vom Vortag was auf uns zukommt. Wir machten Sicherheitsbesprechungen mit allen Behörden, mit der Polizei, der Feuerwehr, und haben ein Worst-Case-Szenario entworfen. Eine halbe Stunde vor dieser Wetterkapriole haben wir die Menschen über die Bühnen gewarnt, sind über die Insel gefahren und haben die Warnung durchgesagt. Ich glaube, es konnten sich alle Besucher rechtzeitig in Sicherheit bringen. Zehn Minuten vor dem Sturm wurde mir wirklich schlecht. Am Vortag hatte ich Akutwarnung Rot und jetzt stand auf meinem Handy: ,Akutwarnung Violett!’ Ich hab mir gedacht: Was kommt da auf uns zu?! Gott sei Dank war es dann nur Regen, Hagel und ein Bissl ein Wind. Na ja, das ist untertrieben, es waren so 80 bis 100 km/h Spitzen. Im Vergleich zum Unwetter am Donnerstag war das aber ein Lercherlschaß! Es hat auch nur zehn, zwanzig Minuten gedauert, Es gab keine Panik, die Menschen waren unter den Brücken. Ein Phänomen ist, dass nur zwei Stunden später die Insel von Menschen gesteckt voll war! Es waren mehr als 600.000 Besucher da, haben abgefeiert und Party gemacht. Da weiß man, wofür man gearbeitet hat!“
Es war ein kleines Wunder. Statt einer vorprogrammierten Katastrophe, abgesagten oder verschobenen Konzerten und Gewitterstimmung begann das Donauinselfest auch 2007 ohne merkliche Einschränkungen und Verspätungen. Das Lob und die Anerkennung gehören dem gesamten Team. Sascha Kostelecky: „Es ist eine Ehre, mit solchen Menschen arbeiten zu dürfen, das muss ich ehrlich sagen!“
Schon jetzt zieht er die Konsequenzen der Lektion, die die Natur ihm beinahe erteilt hätte. „Man wird noch Detailverliebter“, resümiert er, „ich habe mir geschworen, dass ich jedes Zelt kontrollieren lasse, ob auch wirklich eine Sturmstange drinnen ist und wirklich vier Ösen in das Zelt eingeschlagen werden, so dass es wirklich gesichert ist. Man lernt extrem viel dazu! Ich möchte gar nicht wissen was passiert, wenn Hurricanes über dich drüber blasen. Ich möchte das nicht erleben. Vielleicht stellen wir im kommenden Jahr die eine oder andere Bühne auch anders auf, um den Winddruck zu nehmen.“
Gerade als die ersten Künstler zu ihren Gigs auf die Insel-Bühnen kamen, wurde die Nachricht vom Ableben Georg Danzers bekannt. „Das war ein ganz besonderes Ereignis und ein besonderes Erlebnis nach dem Tod von Danzer“, erinnert sich Kostelecky an die Trauer von mehr als 200.000 Fans, die vor die Festbühne bei der Floridsdorfer Brücke gekommen waren. „Rainhard Fendrich hat die richtigen Worte gefunden. Wien ist auch da anders, die Wiener stehen zu den kurz zuvor Verstorbenen. Das hat man damals beim Falco gesehen, und jetzt wieder beim Georg Danzer. Sie zelebrieren den Tod. Es war eine ganz eigenartige, aber leiwande Stimmung vor dieser Bühne.“
Ein Wenig lässt sich der Manager bereits jetzt in die Karten blicken, wenn es ans Thema „25. Jubel-Jubiläumsfest“ geht. „Größer wird es vielleicht nicht, aber qualitativ wollen wir die letzten 25 Jahre aufarbeiten und wirklich gute Stars bringen. 2007 gab es keinen Sparkurs, es waren von Rainhard Fendrich über Gentleman, Zucchero und Paul van Dyk klingende Namen da. 2008 wollen wir das toppen“, gibt er die Ziele vor und schränkt ein: „Wir müssen uns nach der Decke strecken. Soviel Geld uns unsere Partner zur Verfügung stellen, soviel Geld können wir auch ausgeben. Unsere Sponsoren haben ja auch etwas davon, denn ich kenne kein Fest, wo man so viele direkte Kontakte vor Ort lukrieren kann. Wir wollen ein großes, geiles 25 Jahre-Jubiläumsfest umsetzen!“